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Artikel vom
23.11.2017
Podiumsdiskussion anlässlich des Reformationsjubiläums 2017

Anlässlich des diesjährigen Reformationsjubiläums lud die Freiherr-vom-Stein Schule am 3. November zu einer spannenden Podiumsdiskussion ein. Vor ungefähr 220 Schülerinnen und Schülern aus der Oberstufe referierten und diskutierten Pfarrer Fried-Wilhelm Kohl (Christuskirche Fulda), Prof. Dr. Göller (apl. Professor für Philosophie, Karlsruher Institut für Technologie; Fachsprecher der Fachschaft Ethik an der FvSS) sowie Prof. Dr. Cornelius Roth (Professor für Liturgiewissenschaft und Spiritualität an der Theologischen Fakultät Fulda und im Katholisch-Theologischen Seminar in Marburg).

Pfarrer Kohl beschäftigte sich in seinem Impulsreferat „Wertigkeit, was bin ich wert?“ mit der Wertigkeit des Menschen und versuchte auf diese Frage sowohl mithilfe von Zitaten gelehrter Philosophen als auch durch Rückgriff auf die Bibel eine Antwort zu finden. Dazu begann er mit einem Zitat von Donald Formann, einen Professor aus Illinois, wonach der Mensch nur 6,95 € wert sei. Dabei beziehe sich Formann primär auf den Wert der chemischen Elemente. Laut dem US-amerikanischen Ökonom Harry Markowitz sei der Mensch dagegen sogar 6 Millionen Euro wert, da für die Zusammensetzung dieser chemischen Elemente ein großer Apparat notwendig sei. In der westlichen Zivilisation, so Kohl, sei die Wertigkeit eines Menschen oftmals abhängig von Aussehen, Wohlstand und gesellschaftlicher Stellung. Mit einem Zitat von „Wir sind Helden“ appellierte der Pfarrer jedoch gerade gegen diese Art, eine Wertigkeit zu definieren, denn in der Bibel sehe Gott jeden Menschen als wertvoll an. Gott liebe jeden Menschen und jeder sei daher gleich viel wert. Danach begann die Fragerunde, in der die Schüler Fragen zu Pfarrer Kohls Referat stellen konnten. Beispielsweise fragte ein Schüler, warum Kohl gerade aus evangelischer Perspektive dieses Thema gewählt habe. Daraufhin erklärte der Referent, in der Reformation sei der Wert des Menschen herausgestellt worden, da durch die Bibelübersetzung die besondere Wertschätzung Gottes für den Menschen verdeutlicht wurde. Die spezielle Frage, ob Menschen mehr wert seien als Tiere oder Pflanzen, beantwortete er mit dem Argument der besonderen Nähe zu Gott, die auf der Sprachfähigkeit des Menschen beruhe und ihm folglich eine engere Verbindung mit Gott zuschreibe, als diejenige, welche Pflanzen und Tieren zukäme. Die nächsten drei Fragen drehten sich vor allem um den Wert des Menschen und darum, ob dieser sinke, wenn er etwas Böses vollbringen würde. Als Antwort darauf stellte Pfarrer Kohl die zentrale Bedeutung des Menschen für Gott dar. Ebenso solle man jeden als Mensch behandeln, unabhängig davon, was er getan habe. Zum Abschluss der Fragerunde wurde nach Pfarrer Kohls eigener Meinung zu Luther und dessen Äußerungen gefragt. Kohl betonte daraufhin, dass er zwischen Ärger und Faszination stehe, wenn er Luthers Worte lese. Bei vielen Themen hätte er zwar eine andere Position Luthers erwartet, trotzdem habe der Reformator schon viele richtige Thesen vertreten. In der abschließenden Diskussion wurde vor allem die Bedeutung der Religionen als Beschützer in diesem Jahrhundert herausgearbeitet. Die Religion müsse den Menschen vor sich selbst schützen. Dabei müsse man vor allem die positive Entwicklung des Christentums berücksichtigen. Pfarrer Kohl setzte sich ebenfalls dafür ein, dass Ökumene weiter ausgebaut werden möge, auch wenn dies eine große Herausforderung darstelle.

Als zweiter Redner übernahm Herr Professor Göller das Wort. Einleitend diente ihm dazu ein Impulsreferat zum Themenfeld »Reformation und Religionskonflikte«. Der Referent begann seinen Vortrag mit fünf Thesen: Als Erstes kritisierte er die andauernden Glaubenskonflikte, welche trotz der Behauptung der Weltreligionen, sie seien friedlich, in Vergangenheit und Gegenwart aufgetreten seien. Daraufhin kritisiert er mit seiner zweiten These die dogmatischen Lehren der Religionen, welche einen absoluten Wahrheitsanspruch erheben würden. Dadurch würden sich die Weltreligionen gegenseitig ausschließen. Das daraus resultierende Konfliktpotenzial beanstandete er in seiner dritten These. In seiner vierten These sprach der Professor für Philosophie die „Aufgabe der Philosophie als Religionskritik“ an: „Sie formuliert(e) Forderungen nach
(i) Toleranz: Ein anderer Glaube muss geduldet werden, auch wenn man ihn nicht für »wahr« hält
(ii) Meinungs- bzw. Glaubensfreiheit: Prinzipiell muss jedem anderen Glauben das gleiche Recht zugestanden werden, das für den eigenen in Anspruch genommen wird.“
In seiner letzten These zog Prof. Göller den Schluss, dass Glauben eine Privatangelegenheit sei und ein Staat nur durch strikte Trennung von Religion und Staat in der Lage sei, die Freiheit aller zu gewähren. Eine anschließende Diskussionsrunde mit den Schülerinnen und Schülern verlieh den Thesen Prof. Göllers weiteren Nachdruck.

Als Drittes hielt der katholische Pfarrer und Professor, Cornelius Roth, sein Impulsreferat zur Themenfrage „Ist das Evangelium für mich Wort Gottes?“. Bevor Roth direkt auf diese Frage zu sprechen kam, erwähnte er, inwiefern Martin Luther die katholische Kirche bereichert habe. Zum Beispiel habe Luther katholischen Gottesdiensten eine Festigkeit gegeben, indem er einige Kirchenlieder beisteuerte und außerdem durch seine Bibelübersetzung den Wert der Heiligen Schrift wieder in das Bewusstsein der Menschen rückte. Anschließend sagte Roth, es gebe drei verschiedene Positionen, wie man mit der Bibel umgehen könne: Zum einen könne man eine fundamentalistische Position vertreten, bei der man die Evangelien direkt als Gottes Wort ansehe und wortwörtlich danach handle. Dies könne aber auch gefährlich werden. Die zweite Einstellung zur Bibel sei, die Evangelien zwar als von Menschen geschrieben zu betrachten, jedoch nicht als deren Erfindung, d.h. Gott habe mithilfe des Heiligen Geistes sein Wort zu den Evangelisten gesendet. Eine weitere Art die Bibel zu interpretieren, sei, Gottes Mithilfe an der Entstehung dieser komplett zu verneinen. Man sähe in diesem Fall die Evangelien als nichts weiter als eine Sammlung von Erzählungen, die alle mit einer bestimmten Intention von Menschen geschrieben worden seien. Im Endeffekt müsse aber jeder Mensch seine eigene Position darüber finden, welche Bedeutung der Bibeltext in seinem Leben habe und ob er sein Leben vielleicht sogar auf Grundlage der Heiligen Schrift verändere. Als Fazit betonte Roth, die Evangelien könnten jeden Menschen bewegen, egal ob katholisch, evangelisch oder nicht-gläubig.
Nach dem Impulsreferat von Prof. Roth gab es erneut zunächst zahlreiche Fragen der Schülerinnen und Schüler, jedoch konnten sich dann auch die Referenten selbst untereinander Rückfragen zu ihren jeweiligen Positionen stellen.

Nach zwei Schulstunden endete die teils kontroverse, aber stets informative und abwechslungsreiche Podiumsdiskussion mit einem herzlichen Applaus der Hörerinnen und Hörer. Damit brachten sie ihren Dank nicht nur den drei Referenten sichtlich zum Ausdruck, sondern schlossen darin auch das ganze Rahmenprogramm mit ein. Insbesondere galt der Dank dabei Madita Heigel für ihr virtuoses Klavierspiel, Lena Rühl für die abwechslungsreichen audiovisuellen Übergänge, Thomas Manderscheid für seine dynamische Moderation, Bodo Staubach für seine wunderbare Dekoration, Tobias Hamann für sein Können an der Technik, Ruth Scheunert für ihre organisatorische Zusammenarbeit mit Reinhold Feldmann und Christopher Hartmann sowie Dr. Peter Mergler hinsichtlich der Gesamtorganisation der Veranstaltung.

Dass diese Podiumsdiskussion nicht die letzte ihrer Art bleiben soll, konnte man an der regen Diskussionsbeteiligung der Oberstufenschüler erkennen, die in den folgenden Unterrichtsstunden ihre Fortsetzung fand. Die Fachlehrerinnen und Fachlehrer nehmen dazu wohl gerne thematische Vorschläge entgegen.


Dieser Artikel ist eine Gemeinschaftsproduktion von Schülerinnen und Schülern aus dem Religionskurs der Q1-Phase von Dr. Peter Mergler (alphabetisch):
David Feldbauer, Leonie Hergenröder, Marvin Wagner, Melissa Kraus, Ricarda Schiebelhut



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