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Artikel vom
02.02.2018
Das wichtigste ist die Freiheit

Jutta Fleck, Leiterin des 2009 eingerichteten und deutschlandweit einmaligen Schwerpunktprojekts der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, und ihre Tochter, Beate Gallus, Künstlerin und Zeitzeugin, waren zum zweiten Mal zu Gast an der Freiherr vom Stein Schule.

„Wir erzählen unsere Geschichte, damit eure Generation das Leben in Freiheit zu schätzen lernt“, begrüßte Jutta Fleck die Schüler und ihre Lehrer in der Aula.

Jutta Fleck, die als „Frau vom Checkpoint Charlie“ bekannt geworden ist, hat sechs Jahre lang um die Freilassung ihrer Töchter gekämpft. Zusammen mit ihrer Tochter Beate Gallus berichtete sie über ihren Widerstand gegen die SED-Diktatur, über ihre gescheiterte Flucht, über ihre Gefangenschaft und über ihren verzweifelten Kampf um die Wiedervereinigung mit ihren beiden Töchtern.

Ihre Erlebnisse sind 2007 unter dem Titel „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ verfilmt worden. Die ganze Geschichte erfuhren die Schülerinnen und Schüler aus erster Hand.

September 1982: Nach der gescheiterten Flucht aus der DDR muss Jutta Gallus (35) als Republikflüchtige und Verräterin ins Gefängnis. Ihre Töchter Claudia (11) und Beate (9) kommen ins Kinderheim, in dem sie zu „treuen sozialistischen Persönlichkeiten“ erzogen werden sollen. Verhöre, Drohungen, Schikanen und Gehirnwäsche gehören zum Gefängnisalltag der Mutter auf Burg Hoheneck. Der einzige Trost: Briefe und Zeichnungen von den Kindern.

In der kalten und unmenschlichen Umgebung des Kinderheimes schreibt Beate Gallus Briefe, malt Bilder, darunter auch das „Mut-Macher-Herz“, das sie ihrer Mutter ins Gefängnis schickt und das heute, Jahrzehnte später, das Symbol ihrer Organisation „HerzFace“ ist.

Nach 26 Monaten wird Jutta Gallus vom Westen freigekauft. Ihre Kinder müssen im Osten bleiben. Die verzweifelte Mutter beginnt den Kampf um ihre Kinder. Ein halbes Jahr lang steht sie bei Wind und Wetter mit einem Plakat am Berliner Grenzübergang Checkpoint Charlie. Gegenüber stehen die Grenzsoldaten der DDR. „Gebt mir meine Kinder zurück!“ lautet ihr öffentlicher Protest. Doch nichts geschieht. Vier lange Jahre zwischen Angst, Bangen, Ohnmacht und Hoffnung vergehen.  Sie besucht Papst Johannes Paul II., trifft Hans Dietrich Genscher. Schließlich fordert sie in einem verzweifelten Appell im Berliner Reichstag anlässlich der Gedenkfeier zum 25. Jahrestag der Berliner Mauer vor der gesamten Weltpresse von den Politikern die Freilassung Ihrer Töchter: „Keine großen Sprüche! Vier Jahre Trennung sind genug!“ Im August 1988, auf den Tag genau sechs Jahre nach ihrer Verhaftung, werden die drei endlich wieder vereint.

Jutta Fleck wurde zur Symbolfigur für den friedlichen Widerstand gegenüber der DDR-Diktatur. Für ihr mutiges Engagement zur Freilassung ihrer Töchter erhielt sie im Dezember 2007 die Wilhelm-Leuschner-Medaille des Landes Hessen und im Januar 2008 den Bürstädter Courage-Orden. Am 16. November 2009 wurde ihr im Rahmen der Veranstaltung "Gegner des SED-Unrechts" der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland von Bundespräsident Horst Köhler überreicht.

Schulleiter Dr. Ulf Brüdigam dankte den Zeitzeuginnen für die besondere Form des Geschichtsunterrichts und die Möglichkeit, Geschichte zu lernen, wie sie nicht aus dem Geschichtsbuch zu erfahren ist.



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